Information zur Zusammenarbeit zwischen Sportvereinen und Schulen mit Ganztagsangeboten in Hessen (Quelle: Sportjugend Hessen)

Die verstärkte Einführung ganztägig arbeitender Schulen wird sehr wahrscheinlich den organisierten Sport verändern. Viele Schulen erwarten und setzen auf Kooperationen mit Sportvereinen. Sportvereine sehen dagegen die Chancen wie die Risiken. Fest steht, es gibt nicht die klassische Kooperationsform zwischen Schulen und Vereinen. Viele hängt von den Rahmenbedingungen vor Ort ab – z.B. von der Schulgröße, dem Elterneinfluss, dem Engagement und der Kompetenz der Verantwortlichen in Schule und Sportverein. Deshalb gibt es keine allgemeingültigen Antworten auf die vielen Fragen. Die meisten lassen sich erst in der Praxis endgültig beantworten. So dienen die nachfolgenden Tipps der Orientierung und können keine detaillierten Rezepte sein. Diese leben durch das Sammeln der Erfahrungen aus der Praxis. Dadurch werden diese Tipps immer wieder erweitert und aktualisiert. Wir freuen uns über jede konstruktive Rückmeldung.

Die Situation in Hessen
In Hessen sollen nach Aussage der amtierenden Landesregierung bis 2015 alle Schulen ganztägig arbeiten, zumeist allerdings nur mit der geringsten Ausstattung, der pädagogischen Mittagsbetreuung (derzeit knapp 530 Schulen). Bei den meisten ganztägig arbeitenden Schulen handelt es sich um Schulen mit einer freiwilligen Teilnahme an der Ganztagsbetreuung, nur wenige sind „richtige“ Ganztagsschulen mit verpflichtenden ganztägigen Angeboten. Bei den offenen Ganztagsschulen melden sich die Schüler/innen für ein halbes oder ganzes Jahr für das Nachmittagsangebot an. Dieses ist dann für sie verpflichtend. Dieses neue Angebot heißt offiziell nicht Ganztagsschule, sondern ganztägig arbeitende Schule. Die ganztägig arbeitende Schule soll in der Grundschule und für die Sekundarstufe I eingeführt werden. Ganztagsangebote für die Sekundarstufe II sind nicht geplant.

Herausforderungen des ganztägig orientierten Unterrichts an Schulen für den Sport
Die hessischen Sportvereine stehen mit dieser Entwicklung zu immer mehr Schulen mit ganztägig orientierten Angeboten vor folgenden zentralen Herausforderungen:

  1. Durch die längere Bindung der Kinder am Nachmittag in der Schule sowie durch den geplanten Ausbau von Bewegungs-, Spiel- und Sportangeboten in der Schule, könnten diese Kinder weniger motiviert sein, die Angebote der Sportvereine zu nutzen.
  2. Der Ausbau von Sportangeboten im Rahmen der Schule mit ganztägig orientierten Angeboten zieht zusätzliche Belegungszeiten von Sportstätten, die den Vereinen verloren gehen, nach sich.
  3. Zur Durchführung von Bewegungs-, Spiel- und Sportangeboten in Schulen mit ganztägigen Angeboten wird zusätzliches Personal benötigt. Dieses wird voraussichtlich zunehmend aus den Reihen der qualifizierten Übungsleiter/innen, Jugendleiter/innen, Trainer/innen etc. des organisierten Sports rekrutiert. Unter Umständen gehen diese dann dem Verein verloren.
  4. Neben den beiden zentralen Säulen des Kinder- und Jugendsports in Hessen, dem "Schulsport" und dem "Vereinssport", könnte sich zunehmend eine dritte Säule in der Ganztagsbetreuung entwickeln. Diese (qualitativ und quantitativ mit Sicherheit nicht unerhebliche) dritte Säule im Kinder- und Jugendsport würde getragen von Wohlfahrtsverbänden, sportfernen Jugendhilfeträgern und anderen beliebigen Trägern von Betreuungsangeboten. Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsbetreuung wäre ohne fachliche Anbindung und Steuerung durch die beiden bestehenden Großsysteme isoliert.

Was bringt es den JJ-Vereinen?
Trotz der Befürchtungen vieler Vereine bietet die Kooperation mit ganztägig arbeitenden Schulen eine Vielzahl an Chancen und Vorteilen, von denen im Folgenden einige aufgelistet sind:

  • Kontakte zu einem größeren Spektrum von Schüler/innen mit der Chance der Gewinnung neuer Mitglieder und Gewinnung von Talenten
  • Sicherung von schulischen Hallenkapazitäten durch gegenseitige Kooperationen
  • JJ kann sich als Sportart präsentieren.
  • Wenn in der Schule mehr Bewegungskompetenzen vermittelt werden, dann sind auch mehr Schüler/innen an Sport und den Vereinen interessiert
  • Anerkennung in der Öffentlichkeit durch soziales Engagement und die Bereitstellung eigener Ressourcen
  • Evtl. Refinanzierungsmöglichkeit von Hauptberuflichen, die dann auch vereinsintern Angebote und Organisation übernehmen können.


Der Finanzierungsproblematik wird durch drei Programme begegnet.

  1. Programm zur Förderung der Zusammenarbeit von Schulen und Sportvereinen
    Dieses Programm soll die eine Lücke zwischen Schule und Sportverein schließen und ist auf breitensportliche Angebote ausgerichtet, ob sportartspezifisch oder sportartübergreifend. Derzeit werden in Hessen ca. 400 Projekte unterstützt, die zu einer Zusammenarbeit zwischen Schule und Sportverein beitragen. Die Beantragung erfolgt über die jeweiligen Staatlichen Schulämter, an welche Schule und Verein bis jeweils zum 15. November einen gemeinsamen Antrag für das nächste Kalenderjahr stellen müssen. Für den Leiter/die Leiterin einer freiwilligen Sportarbeitsgemeinschaft wird je Stunde (45 Minuten) ein Zuschuss in Höhe von € 8,00 gewährt. Weitere Auskünfte erhält man hierzu bei den Staatlichen Schulämtern. Und hier…
  2. Das Hessische Landesprogramm: Talentsuche und Talentförderung
    Dieses Programm soll dazu beitragen, in Zusammenarbeit von Schulen und Sportfachverbänden sowie deren Vereine den Einstieg in leistungssportliches Training für Kinder zu erleichtern. Die Maßnahmen der Talentsuche und Talentförderung werden auf der Ebene der Staatlichen Schulämter von den Schulsportzentren koordiniert und umgesetzt. Der Förderungsumfang beträgt bei einer zweistündigen Maßnahme ca. 750,- Euro pro Kalenderjahr. Informationen zum Aufbau des Programms (TAG, TFG und E-Kader), zu den beteiligten Sportarten und die Verteilung der Schulsportzentren und Nebenzentren in Hessen sowie weitere interessante Informationen zum Schulsport können auf der Internetseite http://www.talentfoerderung-in-hessen.de abgerufen werden.
  3. Zusammenarbeit Schule und Verein im Bereich Ganztagsangebote
    Zukünftig werden neben diesen beiden Fördermöglichkeiten die der Ganztagsangebote hinzukommen, die grundsätzlich aus einem anderen Fördertopf finanziert werden. So ist es durchaus möglich und sinnvoll, dass die Angebote aus den drei Bereichen parallel stattfinden. Wichtig für den Verein ist es die verschiedenen Fördermöglichkeiten zu kennen und zu unterscheiden. So können in der Regel für die Angebote in der Ganztagsschule höhere Honorare gezahlt werden. Es ist zu empfehlen, dass alle Angebote über den Verein organisiert werden, auch wenn teils die Honorarkräfte auch direkt von der Schule bezahlt werden können. Damit wird die Identität des Vereins für Schüler/innen, Schule, Eltern und Kommune deutlicher. Es bietet sich an, mit den Schulen ein Gesamtpaket zu verabreden, in dem die verschiedenen Angebote verabredet werden.

Probleme und Lösungen
Ist die Bereitschaft und die Möglichkeit für eine Kooperation zwischen Schule und Verein vorhanden, findet sich im Folgenden eine Sammlung von Ideen und Erfahrungen, um auf die jeweils spezifische Situation zu reagieren.

Problem: Der Verein hat nicht genügend Übungsleiter/innen für die zusätzlichen Angebote.
Mögliche Lösungen:

  • Die Zeiten der Angebote in den späten Nachmittag legen, so dass auch berufstätige Übungsleiter/innen zur Verfügung stehen.
  • Der Verein (bei Mehrspartenvereinen, evtl. auch der Verein als Ganzes) schafft eine FSJ-Stelle (Freiwilliges Soziales Jahr) und finanziert sie zum Teil durch die Honorare seitens einer oder mehrerer Schulen. Diese Person kann dann auch weitere Aufgaben für den Vereinsbereich übernehmen.
  • Der Verein (wohl nur bei Mehrspartenvereinen möglich) stellt eine Person hauptberuflich ein, als Vollzeit- oder Teilzeitkraft. Hier gilt Gleiches, sie kann auch andere Vereinsaufgaben übernehmen und wird zum Teil durch die Kooperationshonorare finanziert.
  • Ein Verein in Universitätsstädten schafft sich einen Pool von entsprechend qualifizierten Studenten/innen, die dann für die Angebote eingesetzt werden können.

Problem: Der Verein hat nicht genügend Hallenzeiten oder verliert diese durch die Ganztagsbetreuung
Mögliche Lösungen:

  • Der Verein erreicht in Gesprächen mit der Kommune und der/den Schulen sichere Absprachen. Dabei kann das Angebot von sportlicher Nachmittagsbetreuung ein Trumpf sein.
  • Problem: Vereine in ländlichen Regionen machen Nachmittagsangebote an Schulen, viele Schüler/innen kommen allerdings aus ferneren Ortsteilen
  • Mögliche Lösungen:
  • Es tun sich mehrere Vereine aus der Region zusammen und erstellen ein Kombiangebot für die Region, evtl. für mehrere Schulen.

Checkliste für die Vorbereitung von Kooperationen
Schritt 1
Erste Kontaktaufnahme. Falls keine Person bekannt ist, an die Schulleitung oder einen Förderverein, der die Ganztagsbetreuung organisiert. Dann Klärung der folgenden Punkte:

  • Was wird gewünscht?
  • Was kann geboten werden?
  • Was lässt sich umsetzen?
  • Entwurf für Zeit- und Kostenrahmen (Unterrichtstermine, Stundenzahl und Übungsleiterhonorare)

Schritt 2
Absprachen der jeweiligen Schulleitung mit den betreffenden Kollegen-/innen, dem /der Vereinsvorsitzenden und Übungsleiter-/innen über mögliche Umsetzung, Inhalte und grundsätzliche Bereitschaft und Motivation zur Zusammenarbeit mit Vereinen etc.

Schritt 3
Die Schulleitung, die betreffenden Kollegen-/innen und Vereinsmitarbeiter-/innen treffen sich gemeinsam und besprechen:

  • Stunden- und Raumplanung
  • Zeitrahmen (Stunden pro Woche, Laufzeit)
  • Arbeitsmittel, ggf. Anschaffungen, Sportgeräte kaufen oder leasen (Wer?)
  • Schülerzahl und -auswahl

Schritt 4
Die Schulleitung der Schule mit ganztägigen Angeboten hat ggf. mit dem Förderverein die Verwaltung des Geldverkehrs geklärt (Leasing der Sportgeräte, Entgeldeinzug, Transfer etc.).

Schritt 5
Die Schulleitung und die Vereinsleitung schließen einen Kooperationsvertrag, in dem alle besprochenen Modalitäten festgelegt werden.

Schritt 6
Schulleitung und Lehrkräfte der Schule mit ganztägigen Betreuungsangeboten werben für das Projekt rechtzeitig auf:

  • Elternberatungen
  • Schulkonferenzen
  • auf einem speziellen Elternabend für alle Interessenten
  • Informationen an die Schüler/innen

Schritt 7
Die Verwaltung der Schule mit ganztägigen Betreuungsangeboten nimmt die Anmeldungen entgegen, erstellt eine Liste mit Namen, ggf. Sportart, Adressen und Telefonnummern der Teilnehmer-/innen, die sie an die Sportvereine weiterleitet.

Schritt 8
Die Kooperation hat begonnen:

  • Die Lehrkräfte, der/die Vorsitzende und Übungsleiter-/innen des kooperierenden Vereins treffen sich in regelmäßigen Abständen zum Austausch. Dabei erstellen sie Teilcurricula, bereiten gemeinsame Veranstaltungen vor etc.
  • Die Schulleitung und Vereinsleitung treffen sich ca. nach einem viertel Jahr zu einer ersten Auswertung gemeinsam mit den beteiligten Lehrkräften und Übungsleitern.
  • Erste Ergebnisse werden gemeinsam der Öffentlichkeit vorgestellt (Pressemitteilungen, Veranstaltung etc.).


Zur Vertiefung:
http://www.sportjugend-hessen.de/fileadmin/media/Kindergarten_Schule/Downloads/Sportverein_Schule/Gesamt-gta-info-2008.pdf

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