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Interview mit der Weltmeisterin Irina Brodski


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Irina wurde, wie bereits vorher berichtet, Weltmeisterin in Abu Dhabi. Grund genung für uns um etwas mehr über unsere hessische Weltmeisterin zu erfahren, daher führten wir kurz nach dem Sieg das nachfolgende interessante und lehrreiche Interview mit ihr.
Hallo Irina, herzlichen Glückwunsch zum Titel Weltmeisterin BJJ der Ju Jitsu International Federation!
Danke!
Kannst du dich bitte unseren Lesern kurz vorstellen?
Ich trainiere inzwischen seit 5,5 Jahren BJJ und bin letztes Jahr im Sommer purple belt geworden. Ich habe recht spät mit BJJ angefangen und mich sofort in diese Sportart verliebt, weil man hier, im Gegensatz zu anderen Kampfsportarten, in jedem Training Vollkontakt kämpfen kann, ohne sich jedes Mal zu verletzen. Früher habe ich Kung Fu gemacht und etwas Thai Boxen.
Wie hast du die Zeit in Abu Dhabi erlebt?
Die Zeit war sehr aufregend und anstrengend. Wir, also das BJJ-Team, kamen erst kurz vor dem Wettkampf in Abu Dhabi an. Zu der Zeit waren die Kämpfer und Kämpferinnen vom Fighting und Duo schon abgereist. Für mich gingen die letzen Wettkampfvorbereitungen los. Während die ersten BJJ-Kämpfe schon liefen, musste ich im Hotel bleiben und mich auf mein Einwiegen vorbereiten. Am ersten BJJ Wettkampftag haben schon Naomi Staller und Fabian Voigt Medaillen gewonnen, andere gingen trotz großartiger Kämpfe leer aus. Es gab im Team alle Emotionen: Freude, Stolz, Überraschung, Enttäuschung. Allein das war schon ein besonderes Erlebnis.
Am zweiten Kampftag war ich dann selbst dran. Ich durfte die unglaubliche Unterstützung unseres Teams erleben. Naomi Staller und Verena Rücker halfen mir bei der Vorbereitung auf meine einzelnen Gegnerinnen. Joan Montserrat, der uns als Chiropraktiker begleitete, unterstütze alle, die kämpften, zwischen den Fights. Christopher Müller, eigentlich unser Jugendtrainer, hatte für die Frauenmannschaft das Coaching übernommen, weil Mike Hartmann leider nicht mit fahren konnte. Mit ihm schrieb ich aber per WhatsApp zwischen den Kämpfen, um strategische Fragen zu besprechen.
Am Anfang des Tages hätte ich mir nicht träumen lassen, tatsächlich zu gewinnen. Aber auch die anderen aus unserem Team wuchsen über sich hinaus. Denise Krahn wurde Weltmeisterin und Alexander Sak Vizeweltmeister!
Wie hast du dich auf diese WM vorbereitet?
Ich durfte als Leistungssportlerin zum Glück auch während der Lockdowns trainieren. Seit der letzten WM 2019 habe ich meine Kampftechnicken deutlich umbauen können. Bei der EM im Sommer konnte ich schon einmal schauen, was davon wirklich funktioniert und was geändert werden muss. Seitdem arbeite ich gezielt an diesen Schwächen. Auch mein Krafttraining habe ich darauf ausgerichtet, mit der Hilfe von med4sports in Wiesbaden, wo ich Physiotherapie und individuelles Athletiktraining bekomme. Außerdem musste ich mich langfristig auf mein Kampfgewicht vorbereiten. Meine Gewichtsklasse ist unter 48kg, im Alltag zwischen den Wettkämpfen wiege ich allerdings etwas mehr. Hier bekam ich Unterstützung vom Deutschen Institut für Sporternährung in Bad Nauheim.
Kurz vor dem Wettkampf analysiere ich Kampfvideos mit meinen Trainern, um einen passenden Einstieg für die einzelnen Kämpfe zu finden. Das hört auch während des eigentlichen Wettkampfs nicht ganz auf und dieses Mal habe ich mir sogar zwischen den Kämpfen von Naomi und Verena letzte Techniken und Konter zeigen lassen. Die Wettkampfvorbereitungen sind also wirkliche eine Teamleistung.
Wie oft trainierst du die Woche?
Ich trainiere ungefähr 14 Stunden pro Woche, je nachdem, welche Trainingsphase gerade ansteht. Aber auch mal ein paar mehr oder weniger. Allerdings bin ich davon nur etwa 8 auch wirklich auf der Matte. Ansonsten mache ich etwa zwei Einheiten Krafttraining pro Woche, vier Ausdauereinheiten und schiebe, wann immer möglich, in den Mittagspausen Stabilitäts- und Beweglichkeitstraining ein.
Was sind deine bevorzugten Techniken, Fancy oder Basics bzw. Oldschool oder Newschool?
Ich bin nicht ganz sicher, wie da die Grenzen verlaufen. Was in der einen Schule als Basic durchgeht, ist für eine andere Schule exotisch. Ich trainiere bei Vuong Doan BJJ in Hofheim bei Wallau. Ein ziemlich kompetitives Gym mit vielen ehrgeizigen Leuten. Vuong zeigt oft Techniken, die für kleinere Menschen geeignet sind und auch gegen schwerere Gegner und Gegnerinnen gut funktionieren.
Was ist deine Lieblingstechnik?
Meine Lieblingssubmission ist der Crucifix, ein Armstreckhebel, der mit den Beinen ausgeführt wird, während man zeitgleich einen Würgeangriff mit den Armen macht.
Wie sieht bei dir die Idealvorstellung eines guten BJJ-Trainings aus?
Ich mag sehr gerne, wie das Training bei uns abläuft. Das Warmup wird meistens über einfache Technikdrills gemacht, die dann in komplexere Techniken übergehen. Inzwischen trainieren wir auch öfters Standkampf. Die erste Stunde beschäftigen wir uns mit dem technischen Teil des Trainings. Die zweite Stunde ist dann Randoritraining. Meistens machen wir durchgehend Sechsminutenrunden.
Hast du irgendwelche Vorbilder?
Ich schaue zu sehr vielen Leuten auf, was ihr BJJ angeht. Das sind nicht nur meine Trainer, sondern auch die anderen Frauen aus unserem BJJ-Team. Außerdem bewundere ich die erfolgreichen internationalen Wettkämpferinnen, die in unseren, aber auch in anderen Verbänden kämpfen. Gegen einige davon durfte ich bereits antreten, bei anderen wünsche ich mir, das eines Tages tun zu können.
Wie sieht bei dir der vielzitierte „BJJ-Lifestyle“ aus?
BJJ-Lifestyle und Leistungssport, das passt nicht zusammen. Das, was auf social media dargestellt wird, das viele Reisen, Partys, in den Tag hineinleben, geht einfach nicht gut mit Vollzeitjob und Vollzeittraining. Mein Leben wird strukturiert von vielen Terminen, unterschiedlichen Trainingsphasen und Vorbereitungen.
Was sind deine nächsten Ziele?
Ich wünsche mir sehr, bei den World Games 2022 in Birmingham erfolgreich zu sein!
Welche Tipps kannst du unseren BJJlern mitgeben?
Trainiert regelmäßig und kämpft viel. Passt aber auf, dass ihr euch nicht verletzt. Krafttraining hilft nicht nur dabei, stark auf der Matte zu sein und zu gewinnen, sondern verhindert auch Verletzungen. Macht Wettkämpfe, wenn ihr viel Action mögt. Es ist ein tolles Gefühl, mit maximaler Intensität um den Sieg zu kämpfen.
Hast du einen Leitspruch oder Motto?
Nicht wirklich.

Vielen Dank Irina für dieses Interview

Quelle:
Interview: Stefan Lechthaler
Foto: Fabian Voigt